Putschnacht in Oberdrauburg
26.07.1934


Die nationalsozialistische Partei Österreichs - obzwar verboten - wird immer aggressiver und beginnt mit Terrormitteln aller Art zu arbeiten. Hakenkreuzmalen, Hakenkreuzfahnen hissen, Böllerwerfen, Brückensprengungen und Anschläge auf die Bundesbahnen lösten sich ab. Dem ob seiner politischen Betätigung sehr verhassten Sprengelarzt Dr. Karl R. wurden mehrere Papierböller geworfen, so dass er um seine Versetzung nach Ferlach sich zu bewerben bemüßigt sah und im Juni 1934 auch dahin versetzt wurde. Ansonsten sind im Postenrayon keine Anschläge vorgekommen.

19.5.1934 Aus dem freiwilligen Schutzkorps wird wegen der Tätigkeit der NSDAP eine Bahnsicherungsabteilung aufgestellt, welcher die Bewachung der beiden Eisenbahnbrücken übertragen wird. Gleichzeitig wird auch eine Voltrainsbegleitung von Oberdrauburg bis Villach unter dem Kommando von Gendarmeriebeamten aktiviert.

25.7.1934 Ab 15:00 Uhr wurde vom Landesgendarmeriekommando strenge Bereitschaft anbefohlen.Im Postenrayone herrscht vollkommene Ruhe. In den Abendstunden sickert die Nachricht durch, dass in Wien die Revolution ausgebrochen und das Bundeskanzleramt vom Militär besetzt und Bundeskanzler Dollfuß schwer verletzt sei. Rintelen sei in Wien und habe die Neubildung der Regierung übernommen. Diese Nachrichten stammen von deutschen, tschechoslowakischen und schweizerischen Sendern. Eine allgemeine Nervosität hat sich der Bevölkerung bemächtigt, doch wird Ruhe und Ordnung nirgends gestört. Der Wiener-Sender meldet um 22 h den Tod des Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß und den Verlauf der Geschehnisse in Wien. Über Auftrag der Bezirkshauptmannschaft Spittal wurden die Gasthäuser um 23 h gesperrt und sind weder Ansammlungen, noch sonst welche Zeichen eines Aufruhres bemerkbar.

26.7.1934 Die Bevölkerung geht ihrer Tagesbeschäftigung nach. Die einlaufenden Radio-Meldungen werden eifrigst besprochen, doch herrscht noch immer Ruhe und ist auch bei Einbruch der Dunkelheit nichts Außergewöhnliches wahrzunehmen.

Ray.Insp. Lorenz Lassnig wurde mit vier Schutzkorpsmännern zur Zugsbegleitung nach Villach um 20 .30 Uhr abgefertigt. Ray.Insp. Franz Melcher ging kurz vor 21 h gerüstet in den Lokodienst ab, um das Verhalten der Bevölkerung zu beobachten. Von der Außenwelt laufen keine Nachrichten ein, nur der Posten Nikolsdorf fragt um 20 h an, was in Oberdrauburg los sei, weil er gehört habe, dass in Greifenburg die Nazi demonstrieren. Rev.Insp Wallner ist alleine am Posten. Kurz nach 21 h ist Eilschritt hörbar; die Postenunterkunft wurde von sechzehn Mann - zum Teil bewaffneten - Anhängern der NSDAP besetzt und Rev.Insp. Wallner unter Anschlagen der Waffen zur Übergabe des Postens aufgefordert.

Der Posten wurde übergeben; die vorhandenen Waffen - 2 Stutzenkarabiner und 2 Steyrpistolen - verteilten die Aufrührer unter sich. Die Munition wurde nicht gefunden und verbleibt deshalb am Posten. Rev.Insp. Wallner wird als gefangen erklärt und von drei bewaffneten Nationalsozialisten bewacht. Auch im Postamte wurde bewaffnet eingedrungen und die beiden dort anwesenden Angestellten, Michael N. und Josef R., nach erfolgter Amtsübergabe dort festgehalten.

Zur gleichen Zeit als der Posten besetzt wurde, erfolgte auch in Waidach die Umstellung der Unterkunft der Bahnsicherungsabteilung durch etwa 30 Mann der NSDAP. Hier kam Ray.Insp. Franz Melcher, der eben über die Draubrücke ging dazwischen, wurde von 4 Mann umringt und mittels Zaunlatten zu Boden geschlagen.
Trotzdem setzte sich Melcher zur Wehr und gab mehrere Schüsse aus seiner Dienstpistole ab. Inzwischen waren die Aufrührer in die Unterkunft der Schutzkorpsmänner eingedrungen, hatten mit vorgehaltenen Waffen die Übergabe und Ausfolgung der Waffen und Munition gefordert, welcher Aufforderung die 4 anwesenden Schutzkorpsmänner auch nachkamen. Ray.Insp. Lorenz Lassnig hatte die Pistolenschüsse am Wege zum Bahnhof gehört und eilte gegen die Unterkunft der Bahnsicherungsabteilung hin, woselbst er von Ray.Insp. Franz Melcher über die Geschehnisse kurz unterrichtet wurde. Beide wollten nun in die Unterkunft der Bahnsicherungsabteilung eindringen, doch im selben Augenblick fiel aus dem Hause ein Schuss und der rechts stehende Ray.Insp. Melcher stürzte zu Boden. Das Projektil einer Pistole hatte bei Melcher den linken Lungenflügel durchschlagen und war dann in der Wirbelsäule stecken geblieben. Der Tod muss innerhalb 10 Minuten, infolge starken Blutergusses und Verstopfung der Atmungsorgane, eingetreten sein. Wer den Schuss abgegeben hat konnte bisher nicht festgestellt werden. Ray.Insp. Lassnig wollte den Postenkommandanten vom Tode des Ray.Insp. Melcher verständigen, wurde aber im Orte von zahlreichen Aufrührern umrungen, entwaffnet und am Posten geführt.

Weitere 4 Schutzkorpsmänner, die in Waidach etliche Angehörige der NSDAP festgenommen hatten und zum Bahnhofe eskortieren wollten, wurden ebenfalls von den Aufrührern entwaffnet und in ihre Unterkunft gebracht. Der Schutzkorpsmann Rupert G. ist bewaffnet zur Unterkunft der Bahnsicherungsabteilung gekommen, dort eingedrungen und hat im Nahkampfe den sich entgegenstellenden Anführer Johann B. erschossen. Der Anführer der Aufrührer Ernst K. kam dann mit mehreren bewaffneten Männern auf den Posten und verlangte vom Rev.Insp. Wallner, dass er mitkomme, damit die Schiesserei eingestellt und weiteres unnutzes Blutvergießen vermieden werde.Auf die Weigerung des Wallner, erklärte K., dass der Grossteil der Schutzkorpsleute entwaffnet und bereits alles besetzt sei, worauf Wallner mitging. Bei der Unterkunft der Schutzkorpsleute meldete sich auf den Anruf Wallners der Schutzkorpsmann Rupert G., der noch bewaffnet war. Über Aufforderung des Rev.Insp. Wallner lieferte G. die Waffen ab und meldete den Vorfall mit dem Aufrührer Johann B., der tot im Vorhause lag. Aus dem oberen Stockwerke kamen noch 4 entwaffnete Schutzkorpsmänner und wurden nun alle auf den Posten eskortiert und dort bewacht.

Um ca. 22 h meldete SA Führer M., dass Bundesheer im Anmarsch sei, worauf die Rädelsführer mittelst Auto gegen Greifenburg fuhren und dort zum Grossteil verhaftet wurden. Beim Einrücken des Bundesheeres herrschte in Oberdrauburg bereits vollkommene Ruhe. Plätze und Strassen wurden vom Bundesheer geräumt, worauf dieses selbst unter Kommando des Major Klinke gegen Greifenburg weiterfuhr. Kurz nachher rückte Tiroler-Heimwehr im Orte ein und begann ohne Ursache zu schießen, worauf zwei Nationalsozialisten verletzt und der behinderte Josef E. in seiner Wohnung von einem Geller getötet wurde.

Der Regierungskommisär Dr. Walter der Bezirkshauptmannschaft Lienz ließ das verstärkte Standrecht verkünden und sogleich Streifungen nach den Rädelsführern und sonstigen Aufrührer vornehmen, wobei etliche Verhaftungen vorgenommen wurden. Die 130 Mann starke Heimwehrkompanie Thal-Assling unter Kommando des Res.Oberleutnants Unterweger blieb in Oberdrauburg. Die Leiche des Ray.Insp. Franz Melcher wurde in seine Wohnung und die verletzten Nationalsozialisten in das Spital nach Lienz gebracht. Die bei den Anführern und ihren Anhängern vorgenommenen Hausdrucksuchungen sind durchwegs ohne Erfolg geblieben.

 
  Quelle: Chronik des Gendarmerieposten Oberdrauburg
 

Hinweise bitte per E-Mail an info@oberdrauburg.info oder schriftlich an
Franz Bernhart, A-9773 Irschen, Gröfelhof 34 Tel. 04710-2667 Fax :04710-29747
Die Ergebnisse mit eventuell vorhandenem Bildmaterial werden im Rahmen dieser Seite veröffentlicht